InsurTechs: Digitale Transformation in der Versicherungswelt

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Und was können wir davon lernen?

InsurTechs sind nach den FinTechs und PropTechs die große neue Hoffnung von Investoren und Startups in der Versicherungswelt (http://www.deutsche-startups.de/2016/04/27/insurtech-die-mega-uebersicht-fuer-deutschland/) – und der potentielle digitale Tsunami für die etablierten Versicherungsunternehmen. Sie heißen z.B. Knip, GetSafe, Finanzchef24 oder Appsichern.

InsurTechs sind kleine und agile Unternehmen, die durch Digitalisierung neue oder abgeänderte Produkte, Services oder Geschäftsmodelle anbieten. Meist versuchen sie, die Versicherung nutzenorientierter oder verständlicher zu machen. Sie legen sich zwischen die eigentliche Versicherung und den Kunden und versuchen, über die aktuellen Schwachstellen im Bereich des nahtlosen digitalen Kundenerlebnisses neue Kunden zu finden.

 Die Digitalisierungs-Dimensionen der InsurTechs

  • Optimierung der Auswahl der besten Versicherung
  • Optimierung des Betreuungsprozesses
  • Optimierung der Schadensabwicklung
  • Optimierung des Risikoportfolios des Versicherers, meist über die Beeinflussung und Auswahl von Kunden mit möglichst geringeren Risiken

Optimieren der Versicherungs-Auswahl

In diesem Bereich tummeln sich viele Vergleichsportale, die zum Teil auch schon den Produkt- und Servicevergleich für andere Branchen übernehmen (Check24, billiger.de, verivox). Die InsurTechs klemmen dabei den Versicherer vom Angebotsprozess und der Beeinflussung seiner Kunden ab.

Faktisch sind diese Portale die digitalen Nachfolger der „Drückerkolonnen“ und bündeln ein gewaltiges Portfolio. Wann werden diese InsurTechs ihre Marktmacht ausspielen und den Versicherern die Regeln für die Zusammenarbeit diktieren und die Margenverteilung neu regeln?

Optimierter Betreuungsprozesses

Das Aufgabengebiet des typischen Versicherungs-Maklers ist sowohl die Betreuung der Kunden, als auch die Begleitung des Auswahlprozesses. Ein weites Feld für Knip, GetSafe und Co. und ein direkter Angriff auf die Makler.

Durch die genaue digitale Analyse ihrer Kunden kennen sie diese besser und strukturierter als der gewöhnliche Makler von nebenan. Mit ihren volldigitalisierten Prozessen können diese InsurTechs dem Kunden ein breiteres Portfolio mit einer nahezu perfekten Abstimmung auf seine persönlichen Bedürfnisse anbieten.

Gegenüber den reinen Vergleichsportalen schaffen sie für Kunden einen echten Mehrwert und sind daher für die Versicherer noch gefährlicher: Schließlich managen sie übergreifend die Kundenbeziehung zum Versicherer.

Unterstützung bei der Schadensabwicklung

Bei der Schadensabwicklung läuft bislang fast alles papierorientiert: Schadensmeldung, Regulierungen etc. Ein weites Feld für die Effizienzsteigerung durch Digitalisierung. Doch diese Effizienzsteigerungen treten fast auf der Stelle, denn ein normaler Nutzer möchte ja nicht für jeden Versicherungstyp eine eigene App auf dem Handy haben.

Das Potential für die Versicherer liegt in perfekten Serviceanwendungen, die das Vertrauen des Kunden festigen und ihn mit einem reibungslosen Kundenerlebnis überraschen. Trust durch die Marke und Service sind die Währung des Digitalzeitalters!

Predicitive Systeme zur Optimierung des Risikoportfolios

Predicitive Systeme sind ein zweischneidiges Schwert für die Versicherungswelt. Die Versicherer optimieren damit ihr Portfolio und wollen vor allem das eigene Risiko senken. Oft vergessen sie dabei, dass der wunderbare Service, der dem Kunden mit Apps und Fitnessarmbändern suggeriert wird, im Normalfall ein schönes Gimick ist, sich aber im Leistungsfall z.B. bei der Krankenversicherung unkalkulierbar gegen den Kunden wenden kann.

Die Kunden spüren das bei aller Spiellaune mit den neuen Gimicks sehr wohl, denn es herrscht ein Ungleichgewicht zwischen den Partnern. Die Versicherer werten massenhaft Daten aus und der Kunde hat nur sein eigenes Leben, um seine persönliche Statistik zu machen. Ungleichgewichte sind nie gut für vertrauensvolle und langfristige Kundenbeziehungen.

Predictive Systeme und Prozesse sollten nur dort eingesetzt werden wo sie durch Feedback an den Kunden einen klaren Vorteil für den Kunden bieten.

Blick über den Tellerrand

Die Effizienzgewinne und potenziellen Marktaussichten all dieser Digitalisierungstrends scheinen enorm, aber beim Blick über den Tellerrand in andere Branchen kommt man dann doch ins Stocken: Die meisten Bemühungen sind nach innen in die jeweilige Branche gerichtet und optimieren den Anbieter.

Bei dieser eindimensionalen Vorgehensweise fehlen aber die echten Investitionen in neuen Geschäftsmodelle, Produkte und Plattformen. Effizienz ist wichtig, aber ohne Innovation ein Totengräber für jedes Unternehmen.

Die traditionelle Automobilbranche spürt dies gerade durch die disruptiven Veränderungen wie Tesla (https://stefanfritz.de/warum-wir-in-deutschland-voellig-falsch-ueber-tesla-diskutieren/) (Elekromobilität) oder den Trend zu neuen Mobilitätskonzepten à la Car2Go und DriveNow.

Die Frage nach dem „neuen“ Kunden

Wer wird aber der Versicherungsnehmer in dieser neuen Welt sein? Wer ist der eigentliche Kunde des Versicherers? Früher mussten wir ein Auto kaufen und persönlich eine Versicherung abschließen. Bei der Mobilität als Dienst (also im „as a Service“-Geschäftsmodell) wird diese Versicherungsleistung zum Bestandteil des Mobilitätsangebots. Damit hilft Effizienzsteigerung den Versicherern nicht weiter, denn es braucht innovative Produkte, neue Plattformen und Servicemodelle, weil es den bisherigen Kunden gar nicht mehr gibt.

An diesem Beispiel lassen sich zwei Dinge für die Versicherungswelt ablesen

  1. Digitale Transformation findet durch Verbindung von Leistungen außerhalb der eigenen Branche zu längeren Serviceketten („as a Service“ Modelle) statt. Ein Blick in andere Branchen lohnt sich also!
  2. Mindestens die Autoversicherung wird in Zukunft als einzelne Versicherung schwierig an einen Endkunden zu verkaufen sein. Der Endkunde für einen Autoversicherer wird nicht mehr der Autobesitzer, sondern der Mobilitäts-Anbieter (Service-Anbieter) sein.

Was bedeutet das für die Versicherung von Morgen?

Auch wenn der aktuelle Trend der gesamten InsurTech-Bewegung auf die Produktionsoptimierung innerhalb der Branche gerichtet ist, lohnt es sich darüber nachzudenken, wie man in hocheffizienter Form Versicherungsleistungen in andere Serviceketten einbauen kann.

Hier kann die klassische Versicherungsbranche viel von den InsurTechs lernen.

White Labeling war vor einigen Jahren ein erster Versuch für standardisierte Leistungserbringung mit unterschiedlichem Auftreten zum Kunden. Dieser Ansatz hat jetzt das Potential, völlig neue Serviceketten bei Reisen, Vermietung von Immobilien und Mobilität zu befriedigen.

Was ist mit der Demand-Versicherung, je nach der persönlicher Risikoeinschätzung bei der Nutzung? Heute Vollkasko, morgen nicht. All das ist nur mit voll digitalen Schnittstellen möglich!

Warum Regulierung keine Lösung ist

In der Diskussion mit Branchenexperten über Veränderungen kommt man früher oder später beim Thema Regulierung an. Es scheint, als wäre Regulierung vor allem das Feigenblatt, um eigene Bewegungslosigkeit zu begründen. Die neuen Player spielen mit der Regulierung, indem sie versuchen ihre Modelle trotz oder gerade wegen der Regulierung an den Markt zu bringen.

Doch es ist töricht, sich auf Regulierung zu verlassen, denn jede Form der Regulierung ist per Definition endlich: Schließlich ändert sich die Welt täglich und damit die Grundlage jeder Regulierung.

Die letztlich richtige Antwort zeigen uns die großen Digital-Unternehmen wie Amazon: Absolute Fokussierung auf den Kundennutzen und das perfekte Managen der Kundenbeziehung.

Innovation durch Plattformökonomie in der Versicherungswelt

In der Plattformwelt von Airbnb und Uber bestimmt die Plattform die Regeln. Die Plattform legt fest, wie hoch die Transaktiongebühren sind und wie die Geldströme verteilt werden.

Den InsureTechs dieses Feld alleine zu überlassen, ist also gefährlich und jede Branche sollte sich diesen Angriffen durch Innovation und Agilität entgegenstellen. Die Regulierungsvorschriften beeinflussen aktuell massiv die digitale Transformation der Versicherungswelt.

Wer wirklich etwas bewegen will muss sich über all diese Dinge hinwegsetzen. Wie das gelingen kann, zeigt gerade Oscar, (https://www.hioscar.com) ein amerikanisches Startup im Bereich der Krankenversicherung. Mit einer enormen Finanzierungspower von fast einer Milliarde Dollar versucht Oscar als Krankenversicherer eine individuelle Leistung für den Versicherten aufzubauen und setzt sich damit als Plattform mit Versicherungseffekt zwischen die Leistungserbringer im Gesundheitswesen (Ärze, Krankenhäuser) und die Nutzer (die zum Glück nicht alle Patienten sind!).

Fazit

Der aktuelle Weg der InsurTechs ist auf Produktionsoptimierung innerhalb der Versicherungsbranche ausgerichtet und damit nicht disruptiv. Effizienzsteigerung ist nur ein Ast der Digitalisierung.

Andererseits zeigen die Versicherungsuntenehmen ähnlich erschreckende Tendenzen, indem sie seit vielen Jahren nur nach Effizienzsteigerung suchen und Digitalisierung nicht als Innovationsmotor nutzen.

Aber es gibt zwei klar erkennbare Lösungskonzepte, wie Versicherungen in der „as a Service“ und Plattform-Ökonomie überleben können:

  • Fokussierung auf Integration der eigenen Leistungen in andere „as a Service“ oder Platform Modelle
  • Aufbau eigener Plattformen zusammen mit anderen Partnern außerhalb der Branche.

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